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...Jeden Tag gibt es mehr Menschen, die um Bäume, Wälder,
den Busch, Flüsse, Tiere und zerstörte Landschaften trauern.
Man könnte sagen, daß sie mittlerweile zu unserem Geistesgut
gehört diese Trauer, die immer größer und dunkler wird...
Doris Lessing, Rückkehr nach Afrika
...Denn man wird der Zeit nur gewahr in den Dingen, die sie
bewegt, die sie zu sehen verhindert... Samuel Beckett,
Die Welt und die Hose
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Tina Stolt, Karlsruhe Juni 2006
Das langsame Wachsen des Baumes im Laufe der Zeit, im Wechsel
der Jahreszeiten - ablesbar an den Jahresringen, ablesbar
auch in den Skulpturen von Roger Rigorth.
Wer mit Holz arbeitet, hat diesen Zeitfaktor im Blick. Die
Präsenz der Naturmaterialien wie das von ihm verwendete Holz
wirkt umso stärker, je mehr Virtuelles und Künstliches sich
in allen Lebensbereichen sich in unser Blickfeld drängt.
Verstärkt wird die Wirkung des Holzes außerdem durch die
symbolische Bedeutung der Bäume, die in nahezu allen Kulturkreisen
seit langem existiert und archetypisch zu nennen ist. (*1)
Es ist aber nicht nur Holz, mit dem Rigorth arbeitet, sondern
auch verwandte Materialien wie Kokosfaser oder Papier, beides
aus Bäumen gewonnen. Weiter gibt es den Werkstoff Lehm und
seit einiger Zeit Blei und Eisengestelle, neuerdings Stahl
in den tütenförmigen Objekten, die aus diesem Baum-Ursprung
allerdings herausfallen.
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Die Naturmaterialien finden ihren Anfang in der Naturverbundenheit
des Künstlers, seinem Umgang mit, seinem Leben in der Natur.
Es beginnt mit dem im Wald ausgesuchten und oft selbst geschlagenen
Baum, der so von Anfang an selbst bearbeitet wird. Die handwerklichen
Fähigkeiten erweitern sich dabei je nach den Erfordernissen,
um die Arbeit auch weiter selbst machen zu können.
Als Motiv spielen das Boot oder bootsförmige Objekte eine
große Rolle in den Arbeiten Rigorths,, daneben gibt es allerdings
noch andere Werkgruppen wie zum Beispiel einige annähernd
eiförmige Holzskulpturen (Sternenflug); dann die sogenannten
Windlöffel, hohe Stelen, deren Ende eine längliche Bootsform
aufweist, die oft aus Kokosschnüre geflochten ist, anfangs
aus dem Holz geschnitten war. Neuerdings gibt es die bereits
erwähnten "Tüten" aus Stahltrichtern, die zunächst
starr in einem Holzblock befestigt waren und inzwischen als
bewegliche Figuren geplant werden.
Mit der Form des Bootes hat Rigorth eine gewählt, die sowohl
hohe handwerkliche Fertigkeit voraussetzt als auch Wissen
um die Symbolgeschichte desselben. Vielleicht diente sie anfangs
persönlich der Befreiung von einem allzu handwerklich geschulten
und orientierten Arbeiten zum freien, skulpturalen Objekt
(die ersten freieren Arbeiten waren Masken). In den ersten
Booten arbeitet Rigorth noch recht eng an den Konstruktionsweisen
der Eskimoboote, die er sich durch Lektüre angeeignet hat.
Zunächst nur hier und da leicht verändert, indem zum Beispiel
das ursprüngliche Einstiegsloch um 90° gedreht wird und so
zur freien runden Form sich emanzipiert, werden die Bootskörper
erst modellhaft, nur teilweise bespannt, aufgeschnitten. Bespannt
werden sie nicht, wie beim Original, mit Birkenrinde, sondern
mit Papier, das zwar ein dem Holz entstammendes Material ist,
aber die Haupt-Funktion des Bootes, das Schwimmen, damit unmöglich
macht. Dies ist ein Aspekt, der sich von nun an immer einstellen
wird, manchmal durch das Material oder die Schwere bedingt,
manchmal durch die Form und ihre Ausführung.
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Der nächste Schritt in der Entwicklungsgeschichte der Rigorth‘schen
Boote ist ein Holzcorpus, der zunächst teilweise ausgehöhlt
ist und später massiv wird. Interessanterweise läßt dies in
umgekehrter Zeitfolge an die ethnologische Entwicklungs- und
Verbreitungsgeschichte von Booten denken, denn die Holzboote
erinnern an Einbäume, die in an vielen Orten der Welt vorkommen
und mit die älteste Bootsform darstellen.
Unter anderem gibt es sie in Australien und Korea, wohin
Rigorth Studienreisen und Symposien führten. Möglicherweise
hat er dort die sehr alten, aber immer noch gebräuchlichen
Bootsformen gesehen.
Alle Analogien zu zeigen, würde hier zu weit führen und bedürfte
der genaueren Analyse. Ich zähle daher im Folgenden einige
auf, die besonders auffallend sind.
Die Verbindung von Ton und Holz, wie sie bei der älteren
Arbeit Rigorths, "Oberer Totpunkt“ von 1997´vorkommt,
findet sich bei ganz alten Flößen in Australien und Südostasien,
dort gab es Flöße aus Tongefäßen. (*2)
Weiter gibt es Borderhöhungen an Einbäumen aus Kokosfaserschnüren
bei Pirogen (*3) auf Sri Lanka und Korbbooten
in Vietnam. Bei Rigorth gibt es ein Boot, das bei einem Symposium
in Finnland entstanden ist, wo es eine solche Verlängerung
in der Mitte gibt, sowie die sog. Windlöffel, die Kokosfasergeflecht
oben an einem gespleisten Stamm aufweisen, eine Technik, die
sich ebenfalls in den vietnamesischen Booten findet, aber
natürlich eine andere Form bekommt. (*4) Uberhaupt
findet die Idee, Kokosfaserschnüre zu verwenden ihr Pendant
im Schiffsbau in Gegenden, in denen es Kokospalmen gibt, in
denen neben den allgegenwärtigen Plastiktauen nach wie vor
Kokosfasertaue gebraucht werden.(*5)
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Im asiatischen Raum gibt es Dschunken mit offenem Bug, wo
also die beiden Seiten des Holzes nicht zusammengefügt sind.
Die Form erinnert an einige kleinere Holzboote Rigorths, die
sich aus der Form von Bohnenschoten entwickelt haben und deren
Bug ebenfalls offen ist. (*6)
Es ist interessant, diese Analogien zu bemerken, darüber
zu rätseln, ob und wo der Künstler sie gesehen haben könnte.
Wieso sie Eingang in das Formenvokalbular finden (und andere
Formen nicht) und warum es Boote sind, können dadurch nicht
erklärt werden. Es zeigt lediglich die ethnologische Verortung
des Künstlers und seine Faszination für alte Formen der Holzbearbeitung
und auch wieder das Einfließen der (Natur)-Beobachtung und
Verwendung von natürlichen Materialien in seiner Arbeit.
Boote waren und sind besonders Symbole für Reise, sowohl
für die wirkliche Fortbewegung als auch für die imaginäre
Reise. (*7) Besonders die Reise ins Totenreich,
die Bootsform von Särgen sind Ausdruck dieser Vorstellung.
(*8)
Auch bei Rigorth ist es eine imaginäre Reise, zumal die Boote
oft ganz sichtbar die Fähigkeit zu schwimmen durch das Material
oder die Schwere eingebüßt haben, oder durch die Konstruktion:
Räder durchschneiden zum Beispiel senkrecht den Bootskörper.
Trotzdem ist die Bootsidee immer dominant.
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Die Aufstellungsorte einiger Boote, bzw. ihre gezielte fotografische
Dokumentation zeigt oft eine weite, leere Landschaft. Die
wirkliche Reise des Künstlers hat dabei schon stattgefunden,
es handelt sich um nicht leicht erreichbare Plätze: Etwa ein
Strand in Korea oder ein Stück namibische Wüste.
Ein offensichtliches Gespür für die Dramaturgie der Aufstellung
läßt uns selbst noch beim Anblick der Fotografie die Weite
spüren, den Blick in die Ferne gleiten, den unendlichen Horizont
mit Sehnsüchten und eigenen Projektionen füllen. Bei einigen
Fotos ist die Perspektive so gewählt, daß das Boot fast auf
dem Horizont zu schweben scheint.
Gleichzeitig wird die Ansicht der Landschaft mit wenigen
Mitteln wirkungsvoll verändert und akzentuiert. - Ist das
Boot wieder verschwunden, wirkt die Weite umso leerer... Die
Landschaft ist also keine Kulisse für die Arbeiten, sondern
ein Teil der Aussage, sie wird trotz aller Exotik und Weite
zu einem persönlichen Moment. Interessant an der Aufstellung
im Freien ist außerdem, daß sich der Kreis zur Natur wieder
schließt, der ehemalige Baum wird wieder in den früheren Kontext
zurück-versetzt. (*9)
Seine Veränderung ist deutlich und unumkehrbar, seine Nähe
ist aber immer noch sichtbar, da Rigorth nicht nur nicht farbig
faßt, sondern das Holz auch nicht ganz glättet, Bearbeitungsspuren
und Maserung bleiben zu sehen.
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Die Aufstellung in Innenräumen hat dagegen eine sehr nüchterne
Wirkung, der Gedanke der Absurdität, der nicht Schiffbarkeit
der Schiffsobjekte tritt hier viel deutlicher vor Augen. Dazu
kommt, daß Rigorth die Bewegung, die in der Natur eines Fahrzeuges
liegt, nicht betont. Die Objekte sind still, unbewegt. Wenn
sie aufgehängt sind, können sie sich oft höchstens um den
eigenen Schwerpunkt bewegen, das Rad in einigen Booten betont
zwar die Kreisform, verhindert aber gleichzeitig die Bewegung
ganz. (*10)
Boote im Trockenen, auf Gestellen, bereit zur Fahrt? Verstärkt
manchmal durch Vorrichtungen wie eine Mischung aus Segeln
und Flügeln, die sie fast zu "Luftschiffen“ macht. (*11)
Der so beflügelten Fahrt wird die Unmögklichkeit durch die
feste Verankerung in Gestellen umso schmerzlicher bewußt,
je weniger das Ziel der Fahrt deutlich wird. Die Bewegung
liegt beim Betrachter.
Eines allerdings fehlt den Booten der letzten Jahre: ein
Platz für einen Passagier - die Luken der anfänglichen Arbeiten
sind verschwunden. Dies ist ein klares Indiz dfür, daß wir
es nicht mit Nach-bauten en miniature von ethnologischen Tatbeständen
zu tun haben - trotz der formalen Analogien - sondern um massive
Holzkörper, die die Form des Boots unter anderen inne haben.
Es sind also mehr die Gedanken, die auf die Reise geschickt
werden, als der physische Körper. Einige neue Arbeiten haben
eine runde Haube aus Flechtwerk und aus Blei bekommen, die
nicht nur nicht einladend zur Mitfahrt, sondern sogar abweisend
und hermetisch wirkt. Eher Unterseeboote als Einbäume, geht
es hier ganz klar mehr um die Formgegensätze aus rund (Aufsatz)
und länglich (Boot) oder waagerecht (Boot) und senkrecht (Aufsatz)
wie auch schon bei den kleinen Booten auf Holzgestellen, die
einen Wickel aus Gips und Gold aufgesteckt hatten. Betrachtet
man unter diesem Gesichtspunkt die Arbeiten Rigorths, so fällt
auf, daß er die Strenge des Gegensatzes waagerecht/senkrecht
stets bevorzugt. Keine Diagonalen in den Objekten, höchstens
in der installativen Anordnung in der Ausstellung, so als
wollte Rigorth der allzu poetischen Interpretation des Gegenstandes
mit der Strenge in der Anordnung entgegenwirken.
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Als Boote sind sie so defunktionalisiert, daß sie nicht mehr
aufrecht schwimmen könnten, würden sie zu Wasser gelassen.
Als Bootssymbole funktionieren sie dagegen immer noch prächtig,
da reichen offensichtlich wenige Merkmale der Form, um diesen
Archetypus im Betrachter zu aktivieren. Wir machen es uns
aber zu leicht mit den romantisierenden Interpretationen,
bei denen wir nur ein Boot sehen und schon unsere Gedanken
auf die festgelegte Reise schicken. Eliade beschreibt dies
treffend so: ,,. ..Jeder sah allein das Bild, das er mit sich
getragen hatte.“ (*12) Zunächst hat Rigorth seine
Arbeiten ja für sich und nicht für andere gemacht. Nur er
kennt den Wachstumsprozeß vom Baum zur fertigen Arbeit, wir
denken bloß vom Endergebnis aus. Allzu romantische oder poetische
Bootsphantasien prallen an den eher verschlossenen Arbeiten
ab und der Betrachter wird auf sich selbst zurückgeworfen.
Darin aber liegt gerade der Reiz dieser Boote:
Nur wenn wir uns wirklich die Zeit nehmen, auch über die
eigene Wahrnehmung zu reflektieren, über den ersten Blick
hinaus die Gedanken fliegen oder auch schwimmen zu lassen,
werden wir zu neuen Gedanken über Reise, Fernweh, Sehnsucht
nach ethnologischen und ökologischen Sinnkreisläufen kommen.
Und wie bei den kleinen, bei einem Fest im November in Thailand
ausgesetzten Schiffchen aus Papier oder Blättern, die die
Wünsche der Menschen tragen, sind die Boote Rigorths der Beginn
einer Kommunikation, nicht ihr Endpunkt.
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Anm.1: Dieter Brunner, S.11 if in "Der
ausgehöhlte Stamm“, Städtische Museen Heilbronn, Hrsg. Andreas
Pfeiffer, Heilbronn 1998
Anm.2: Quelle für die folgenden Analogien: B.Spranz (Hrsg.)
~Boote, Technik und Symbolik“, Städt.Museen Freiburg, Museum
für Völkerkunde 1984 (im Folgenden Spranz abgekürzt); Tonflöl3e:
8.29
Anm.3: Pirogen sind nach oben mit Aufbauten oder Verlängerungen
versehene Einbäume
Anm.4: Spranz 5.31 if und S.43ff
Anm.5: Spranz S.83
Anm.6: Spranz 5.74
Anm.7: Baatsärge und Schiffsgräber gibt es bei allen Völkem
mit Schiffen, sowohl im asiatischen Raum als auch bei skandinavischen
und nordgermanischen Stämmen.
Anm.8: Spranz S.205 Besonders bei magischen Praktiken wurden
Boote, Schiffe und auch Flöße verwendet, die eigens zu diesem
Zwecke hergestellt wurden. Sie unterscheiden sich in Material,
Form, Größe und Ausstattung von den alltäglich verwendeteten
Fahrzeugen und konnten daher nicht im normalen Verkehr eingesetzt
werden.
Anm.9: Nicht so wie bei David Nash, der den Baum nicht fällt,
sondern diesen an Ort und Stelle bearbeitet und dort beläßt.
Anm. 10: Eine Ausnahme waren die Boote in der Darmstädter
Kunsthalle, die sich an einer Schiene bewegen ließen. Aber
eben nicht frei, sondern nur vor- und zurück.
Anm.11: W.Behringer + c.ott-Koptschalijski (Hrsg.) ,Der Traum
vom Fliegen“, S.305 ...Die Fortbewegung mit Booten durch die
Luft gehörte zum Mythenrepertoire vieler seefahrender Völker
Anm.12: Mircea Eliade, ,Ewige Bilder und Sinnbilder“, Frankfurt
1986, S.12
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