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Geräte im Schwebezustand

Objektkunst – Roger Rigorth stellt in der Griesheimer Wagenhalle aus: monumentale Arbeiten, die nach Technik aussehen, aber ihren eigenen Gesetzen gehorchen.

In diesen Wochen kommt man sich in der Wagenhalle Griesheim vor wie in einem Museum für Technikgeschichte. Monumentale Geräte aus Holz, Eisen, Sisal- und Kokosfasern stehen herum oder hängen von der Decke, jedes mit viel Abstand vom nächsten, als wäre es umgeben von einem Bannkreis des Rätsels: Was ist die jeweilige Funktion?

Aufgebockt ist da ein massives Boot in Kanuform, durchbrochen von einem Schlitz in Längsrichtung; darin ist ein großes, rostiges Rad eingehängt. Oder das Gegenstück des Bootes, mit zwei seitlich schräg abstehenden Masten und Spitzsegeln, befestigt auf schwenkbaren Blöcken. Vom Standpunkt eines Ingenieurs scheint das alles widersinnig, kontraproduktiv. Oder handelt es sich um Geräte nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft der Technik, Geräte, die bislang unentdeckten Gesetzen gehorchen und zu naturnahen Materialien zurückkehren? Dann würde es ins System passen, dass eine hölzerne Bootsflanke Wirbel des Wuchses und braune Fäulnisspuren zeigt.

Es sind nicht nur seine Schwebeobjekte, die Roger Rigorth bewusst in solch geistigem Schwebezustand belässt. Für den in Otzberg lebenden Bildhauer bedeutet die ihm vom Landkreis Darmstadt-Dieburg vermittelte Ausstellung in der Weiträumigkeit der ehemaligen Heag-Wagenhalle eine fabelhafte chance. Die sechs Arbeiten wirken schon aufgrund ihrer bloßen Dimensionen frappierender, ambitionierter als frühere. Egal, ob ihre Anlage jetzt stromlinienförmige Bewegung nahelegt oder Klang, wie im Falle des ,,Lauschers“ mit seinen sechs silbernen Orgelpfeifen-Tüten, die tiefere Funktion der Rigorthschen Objekte besteht darin, Bewegung in die Fantasie des Betrachters zu bringen und ihn mit Staunen zu erfüllen.

Roland Held, Darmstadt, Mai 2003

Die Arbeiten des Holzbildhauers Roger Rigorth bedienen sich poetischer Bildlichkeit.

Seine Objekte und Skulpturen aus Holz in Verbindung mit Metall oder Naturstoffen wie Sisal und Ton, formen Symbole. Archetypische Zeichen, die im Bewusstsein jedes Menschen wohnen und zuweilen im Traum, in der Vision und der Fantasie Gestalt gewinnen. Mit Sinnbildern wie dem Schiff, dem Rad und dem Ei verbinden sich unzählige Assoziationen, ja erschließen sich weite Erzählfelder.

Die Schiffsallegorie etwa hält eine Menge Anknüpfungspunkte bereit:

Man denkt an das Lebensschiff auf seiner Fahrt über das Meer der Welt.
Mythologisches kommt einem in den Sinn: Die Odyssee, die Abenteuer der Argonauten oder auch Charon, der Fährmann, der die Seelen der Verstorbenen über den Fluß Styx in die Unterwelt bringt…

Roger Rigorth geht aber noch einen Schritt weiter, indem er die Symbole miteinander kombiniert.Dabei entstehen absurde Kompositionen wie das aufgebockte Schiff, dem ein eisernes Speichenrad einverleibt ist. Zur Unbeweglichkeit verdammt, steigert sich im paradoxen Zusammenspiel der Sinnbilder erst recht die Sehnsucht nach Bewegung, Aufbruch und Veränderung.

Roger Rigorth lässt bewusst Materialien und Symbole miteinander kontrastieren, um so einen ganz eigenen Bilderkosmos zu entwerfen. Viele seiner Objekte umkreisen das Thema des Reisens und Fahrens — so auch die mit Bleiformen befrachteten kleinen Schiffe. ,,Schwere See“ lautet der aussagekräftige Titel dieser Installation. Rigorth forscht nach den Bedingungen für Bewegung und Unterwegssein, seine Boote berichten von abenteuerlichen Überfahrten dem Horizont entgegen und darüber hinaus. Auch den aufgeklärten Weitreisenden tragen sie über die Welt hinaus ins Land des Utopischen, Mythischen und Poetischen.

Dagmar Burisch, Goddelau, September 2002

Ernste Träumer

Ikarus stieg aus. Er kann nicht abgestürzt sein. Jedenfalls wurde die Absturzursache, die von der griechischen Sage genannt wird, von der modernen Physik widerlegt. Ikarus überlebte. Zwar ist er verschwunden, sein Fluggerät aber hat er sich ordentlich abgeschnallt, es hängt unversehrt mitten im Raum von der Decke. Aus Holz ist es im wesentlichen gemacht, hölzerne Späne sind bei näherem Hinsehen auch die Federn. Anstelle des leidenschaftlichen Fliegers der Sage treffen wir den Künstler an. Ikarus ist für ihn keine Person, sondern eine Allegorie für einen alten Menschheitstraum. Dieser Traum ist nie mit seinen Träumern abgestürzt. Rigorth stellt sich das Fliegen heute noch als Traum das. Auch die Profanisierung des Fliegens durch den Linienflugverkehr, für den das Fliegen mehr ein organisatorisches Problem denn ein Traum ist, konnte den Traum nicht zum Absturz bringen. Er sucht letzte Wahrheiten und essentielle Antworten. Die Form des Werkes ist für ihn vor allem Mittel zum Zweck. Rigorth ist ein Träumer. Er ist ein Ikarus.

H. Runge, Darmstadt, 1993